Eckart Freuwört, Aura 1, 2006. © 2006 Eckart Freuwört (siehe hier)
Eckart Freuwört, Aura 2, 2006. © 2006 Eckart Freuwört (siehe hier; animierte Darstellung siehe hier)
Migränöse Synästhesie
Die Hochdruckwetterlage ist zusammen gebrochen. Jetzt weht ein kräftiger Wind, eine Art von graubraun-voluminösem Rauschen vor dem inneren Auge produzierend - ohne dass es dieses "Graubraun" als Farbe des Spektrums wirklich gäbe. Es ist die pseudovisuelle Wahrnehmung des Windrauschens, ein quasi-optischer Eindruck, auch "virtuelle" Farbe genannt. Diese Form der Wahrnehmung wird als Coloured Hearing Synästhesie bezeichnet. Jedes Geräusch erzeugt automatisch eine farbige Form, vermutlich basierend auf zusätzlichen neuronalen Verknüpfungen im Gehirn. Zwischen dem Graubraun tauchen zahllose marineblau-weißliche Facetten auf, ähnlich Schaum, aber eckiger: Der Wind, der durch die Blätter der Bäume streicht. Das Rascheln der Blätter. Derartige Bilder laufen immer irgendwo im Hinterkopf mit. Sie überlagern sich mit der rein optischen Abbildung des visuellen Systems, sind integriert und bilden erst zusammen ein Ganzes. Ich kenne es nicht anders. Instinktiv blende ich immer zwischen beiden Wahrnehmungsarten hin und her, je nach Bedarf. Das war schon immer so und ist für mich absolut unverzichtbar.
Nur heute, da gibt es Probleme damit. Probleme, die einen Migräneanfall ankündigen. Da mischen sich kaum wahrnehmbare, winzige goldfarbene Blitze mit ein. Kugeln, Dreiecke, Prismen, Polyeder. Hinsichtlich der Farbe haben die "Blitze" Ähnlichkeit mit der synästhetischen Wahrnehmung von Vogelrufen, doch die Formen sind falsch. Es ist etwas anderes. Und das Bild der blauweißen Facetten bleibt stärker im Vordergrund als mir lieb sein kann. Die Zeit vergeht.
Während dessen verändern sich die Farben der Facetten. Nahezu unmerklich zuerst, aber dennoch immer deutlicher. Sie werden verfälscht, tendieren ins Rötlich-Kupferne, drängen sich in den Vordergrund, sind nicht mehr auszublenden. Auch bekommen die zuvor glatten Oberflächen der Facetten Auswüchse, Pickeln oder Stacheln ähnlich - was abstoßend aussieht und ebenso falsch ist. Eine Art von Rauchschleier vor dem linken Auge kommt hinzu, der seltsamerweise auch dann bestehen bleibt, wenn ich das Auge schließe. Aus dem Schleier wird ein nebliger Fleck, einem undeutlichen Vollmond hinter Wolken nicht unähnlich - jedoch oval und vertikal ausgerichtet. Dieser Fleck ist in die inzwischen geradezu störend vorhandene synästhetische Wahrnehmung integriert. Beides zusammen behindert nun das Sehen, macht es aber noch nicht unmöglich. Noch mehr Zeit vergeht.
Die Lichtblitze sind mehr geworden und in die Länge gezogen. Sie ähneln jetzt den Vogelrufen, aber sie sind sehr viel greller. Störend! Auch die Facetten haben zugelegt. All das strebt diskontinuierlich langsam aber sicher dem Rand des Fleckens zu, wie Insekten, die von etwas Süßem angezogen werden. Am Rand des Fleckens verschmilzt das alles miteinander, erst ein schwaches Leuchten, dann zunehmend. Grell-übersteuerte, gezackte, sich unablässig bewegende Linien und Muster entstehen. Immer dort, wo es eben noch besonders blendend aufgeblitzt hat, ist im nächsten Moment ein schwärzliches Geringel zu erfassen, so dass es aussieht, als seien die grell-zackigen Farbempfindungen von kleinen, schwärzlichen Spiralmustern durchsetzt. Vielleicht eine Art von optischem Negativ-Effekt. Der unerträglich blendende Rand des Flecks dehnt sich aus, der Fleck selbst auch.
Er nimmt dabei eine Pastellfarbe an, mal gelblich-orange, mal grau, mal bläulich. Jedes Geräusch, jede synästhetische Wahrnehmung, jeder rein optische Reiz fließt jetzt unerträglich verstärkt in den Fortifikationsmuster genannten, grellbunten Zackenrand mit ein, bildet ein Ganzes und verstärkt ihn: Die Migräneaura ist voll da! Was ist welche Wahrnehmung? Welchen Einfluss haben Akustik, Optik, Synästhesie? Es ist nicht mehr zu differenzieren. Das instinktive hin und her Blenden zwischen synästhetischer und optischer Bildebene versagt.
Fleck und Rand dehnen sich aus, erfassen mindestens die Hälfte des Gesichtsfeldes. Eine ganz massive Sehstörung, die praktisch jede zielgerichtete Tätigkeit unmöglich macht. An Arbeiten oder Autofahren ist nicht mehr zu denken. Parallel dazu baut sich der Schmerz auf und steigert sich mehr und mehr. Nach rund einer halben Stunde zerfasert der Rand des Flecks und der Fleck selbst verblasst, wird durchsichtig. Sehen ist wieder möglich (wenngleich auch mosaikartig und mit verschobenen Proportionen), Hören auch, aber der Schmerz überrollt meinen Kopf wie eine Dampfwalze. Das Wissen um die biochemischen Abläufe bei der Migräne nützt mir dabei gar nichts. Jetzt heißt es rund acht Stunden aushalten. In dieser Zeit kann ich zwar die unterschiedlichen Wahrnehmungsformen wieder einigermaßen differenzieren, aber alles ist unerträglich verstärkt, wie übersteuert. Reizüberflutung pur! Da hilft nur eins: Hinlegen in einem dunklen, ruhigen Zimmer - mit einem Eimer neben dem Bett. Und warten bis sich alles wieder eingeregelt hat.
(Eckhard Freuwört, Email an Klaus Podoll, 3. Oktober 2006; siehe auch hier und hier)
Eckart Freuwört, Synästhetische Kopfschmerz-Wahrnehmung, 2006. © 2006 Eckart Freuwört (siehe hier)
"Der eigentliche Migräne-Kopfschmerz - zuerst hämmernd und pochend, später dann eine pulsierende Last im Kopf - ist für mich synästhetisch sichtbar. Er besteht aus einer schmutzig-weißen Scheibe mit asymmetrisch umlaufendem, zerfaserndem grauen Rand in einer Kopfhälfte. Leider ist es mir nicht gelungen, in das Bild die zugehörige Räumlichkeit mit einfließen zu lassen. Ein - leider nicht immer funktionelles - Verfahren zum Besiegen des Schmerzes besteht darin, die reguläre und die synästhetische Wahrnehmung für einige Stunden umzukehren, d. h. die Synästhesie 'in den Vordergrund' zu holen. Im gleichen Maße, wie die modulare Wahrnehmung zurück gedrängt wird, vermindert sich auch der Schmerz. Den Versuch ist die Methode allemal wert."
(Eckart Freuwört, Synästhesie, 2006)
Eckhard Freuwört, Vernetzte Sinne, 1994. © 1994 Eckhard Freuwört (siehe hier)
Freuwört E. Vernetzte Sinne. Books on Demand, 1994 (siehe hier)
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