Five variations about my migraine (in German)

Ein Geist im Tee



Von Bernhard Hassenstein



Zu welchem Thema kann ich etwas zugleich Unterhaltendes
und Wissenschaftliches schreiben? lch wähle:
"Fünf Variationen über meine Migräne".



1934



Diese Französisch-Arbeit erhielt die Note vier -
damals bedeutete das "mangelhaft". Während wir
zwölfjährigen Buben daran schrieben, hatte ich im
linken Teil meines Gesichtsfeldes auf einmal kein Bild mehr
gesehen, sondern einen grell silberig flimmernden Vorhang.
So konnte ich nicht wie sonst nach links auf das Heft
meines Nach- harn schauen, der viel mehr Vokabeln kannte
als ich. Am Ende der Stunde begannen bohrende Kopfschmerzen
in der linken Schläfe. Mir wurde schlecht, und ich
wurde auf meine Bitten nach Hause geschickt.



Ein paar Tage später erfuhren wir die Noten. Eine
Vier war für mich ungewohnt. Ich ging zum Lehrer, den
ich liebte und verehrte, schilderte ihm das Vorkommnis und
bat ihn, die Arbeit nicht zu werten. Er antwortete mit
fester und freundlicher Stimme, so daß kein Widerwort
möglich war; "Dann schreibe nächstes Mal eine
bessere!"



1946



Inzwischen glaubte ich die Ursache der schmerzhaften
Anfälle gefunden zu haben: Eine Tasse schwarzen Tees,
so schien mir, bewirkte genau vierundzwanzig Stunden
später eine Migräne-Attacke. Aber damals in den
Nachkriegsjahren war Tee ein seltener Genuß, der um
so eher kredenzt wurde, je lieber man dem Gast eine Freude
machen wollte - ein Zeichen der Zuneigung. Ungern lehnte
man die Gabe ab; aber die Sehstörungen und Schmerzen,
die dann drohten, waren kein Vergnügen.



Um dem Dilemma zu entgehen, reimte ich ein Gedicht. Es
gab der Zurückweisung des Tees eine
liebenswürdige Form, und der Enttäuschung war
vorgebeugt:



Migräne



Im Tee, wie gut er mir auch schmeckt,

da ist für mich ein Geist versteckt,

kommt mit dem ersten Schluck herein,

stößt sich gleich ab am Zungenbein,

schiebt sich die Tuba dann herauf,

macht das ovale Fenster auf

und schwimmt dann durch das innre Ohr

bis zu des Hörnervs Knochentor.



Nachdem er sich dort durchgequält,

ist er, wo alles ausgehöhlt.

Dort merkt er bald die dumpfe Schwüle,

und die erzeugt ihm Angstgefühle.

Da läßt ein Lichtschein ihn erhoffen,

am Sehnerv sei ein Türchen offen!

Doch wühlt er eine halbe Stunde

in dem verworrnen Faserbunde



und merkt dann, ganz darein verstrickt,

betrübt, sein Plan sei ihm mißglückt.

Dann steigt er in die linke Schläfe,

als ob er es dort besser träfe,

beginnt zu hämmern und zu bohren

vom Scheitelbein bis zu den Ohren,

bis er − nach Stunden − dann entfliegt.

Doch glaubt mir,daß es mir genügt.



Drum kann ich - mag's Euch nicht verdrießen


von Tee nichts als den Duft genießen.



Für den mit der menschlichen Anatomie nicht
vertrauten Leser sei nachgetragen: Sollte wirklich ein
"Teegeist" aus der Mundhöhle ins Innere der linken
Schläfe reisen wollen, so böte sich ihm
tatsächlich kein besserer Weg als vom Rachenraum durch
die Tuba Eustachii ins Mittelohr, von dort durch das "ovale
Fenster" ins Innenohr und schließlich auf der Bahn
des Nervus acusticus ins Gehirn hinein.



Übrigens hat sich die Koppelung zwischen
Migräne und Tee inzwischen gelöst; jetzt
genieße ich schwarzen Tee, ohne es tags darauf zu
bereuen.



1956



In den Jahrzehnten etwa vom 35. bis 55. Lebensjahr
− heute nicht mehr − ging jedem
Migräne-Anfall eine kuriose Erscheinung voraus: kurz
vor Beginn des "Flimmerskotoms" fiel für eine oder
zwei Minuten ein Teil des linken Gesichtsfeldes aus. Sah
ich einen Menschen an, so fehlte ihm scheinbar das linke
Auge; ich mußte hin- und herschauen, um die
Täuschung zu korrigieren.



Ein Erlebnis stand bevor: Endlich hatte ich eine
Einlaßkarte ins Berliner Bert-Brecht-Theater
ergattert. Beim Abgeben des Mantels sah ich der
Garderobenfrau ins Gesicht und erschrak: Ausgerechnet in
diesem Augenblick kündigte sich ein
Migräne-Anfall an. Er würde mir den Thearerbesuch
gründlich verderben! Zum Glück für mich
hatte ich "innen" und "außen" verwechselt: Die
Garderobenfrau hatte ein zugeschwollenes Auge!



Hoffentlich war es nichts Schlimmes.



1960



In Freiburg erzählte man mir von dem alten
Professor Hoffmann, dessen Forschungen über Reflexe
jedem Physiologen bekannt sind: Nach dem Krieg, als alles
zerstört darniederlag und es kein Geld mehr für
wissenschaftliche Untersuchungen gab, erforschte er seine
eigene Augen-Migräne: Er erzeugte auf einfachste Weise
schnell wechselndes Licht und "Synchronisation_Hassenstein" id=
"Synchronisation_Hassenstein">synchronisierte
es mit
dem Flimmern seines Migräneskotoms. So stellte er
dessen Frequenz fest und fand, daß sie etwa den
Alphawellen des Elektroencephalogramms entsprach.



Habe also auch ich vielleicht durch meine
Augenmigräne das naturgegebene Privileg, in mein
eigenes Gehirn hineinzuschauen?



1979



Schon seit Jahrzehnten folgen auf meine Flimmerskotome
keine Kopfschmerzen mehr. Ich fürchte ihr Erscheinen
darum nur noch in Lebenssituationen, in denen ich auf mein
Vermögen, zu lesen, angewiesen bin.



Neuerdings aber dienen meine Migräne-Attacken sogar
der Wissenschaft.



In der Sehrinde, der Oberfäche unseres Gehirns im
Hinterkopf, ist unser Blickfeld Punkt für Punkt
repräsentiert. Die Genauigkeit der Abbildung ist im
Zentrum des Sehfeldes am größten und nimmt nach
den Seiten hin ab. Ein Millimeter in der Sehrinde bildet
ein kleines Stück der Netzhautmitte oder ein sehr viel
größeres Srück des Netzhautrandes ab. Das
ist für mich keine Theorie. Während der
Migräne kann ich es sehen:



Beim Beginn des einzelnen Anfalls flimmert nur ein
winziges Pünktchen in der Mitte des Blickfeldes.
Allmählich nimmt es an Fläche zu und wird zum
flimmernden Vorhang, der nach rechts oder links sich
vergrößernd langsam über das Gesichtsfeld
zieht und über dessen Außenrand verschwindet.
Aus der Winkelgeschwindigkeit der Bewegung − so sagte
mir vor zwei Jahren ein Nervenphysiologe −
ließe sich vielleicht der Ort der Störung
ermitteln. Seitdem suche ich nach dem Beginn eines Anfalls
ein Stück Kreide, wähle einen festen Fixierpunkt
und markiere alle zwei Minuten den scheinbaren Ort des
Flimmerskotoms an einer Wandtafel, einer Schranktür
oder auf dem Schreibtisch. Die Entfernung zur
Zeichenfäche messe ich und halte sie konstant. Drei
Messungen sind mir bisher gelungen. Das Ergebnis hat mich
überrascht:



Die Winkelgeschwindigkeit der Erscheinung nimmt vom
Zentrum zum Rande des Gesichtsfeldes zu, und zwar
dermaßen gleichmäßig, daß ihre
Aufzeichnung eine exakte Parabel ergibt. In
halblogarithmischen Maßstab übertragen, wird die
Kurve zu einer präzisen Geraden. Mein Kollege hat mich
gelobt: Noch nie sei eine so saubere Messung gelungen.
Jetzt darf ich vielleicht hofffen, meine private
Migräne könnte dereinst zur besseren
Aufklärung der Ursachen dieser für die meisten
Patienten so quälenden Störung beitragen −
und darauf folgend vielleicht sogar zur Linderung, Heilung
oder Vorbeugung. Denn die Meßkurven beweisen,
daß die Störung nicht, wie im Gedicht behauptet,
in den Sehnerven, sondern im Gehirn abläuft.



1981



Habe ich Wort gehalten und Wissenschaft unterhaltsam
dargebracht? Falls ja, hat sich ein Wahlspruch meiner
Kindheit bewährt: Wer aus Schaden Nutzen zieht, hat
ein fröhliches Gemüt. Meine Migräne ist
nicht das einzige Exempel dafür, aber eines der
besten.

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